Die anarchisch-pessimistische Syn­these. Eine Skizze

Von Julius Alan Nero

Beileibe offenbart sich eine eigentümliche Dialektik, wenn man die beiden Begriffe "anarchisch" und "pessimistisch" als Leit­motiv einer Geisteshaltung herausstellt. Sind es nicht gerade die Anarchisten aller Schattierungen, welche im Verlauf der Ge­schichte einen stetigen Fortschritt erbli­cken, dem historischen Materialismus in seiner eschatologischen Unerschütterlich­keit nicht unähnlich? Und darüber hinaus eine naive Vorstellung vom positiven We­senskern des Menschen hegen? Sie werden sicherlich "Gewiss doch!" ausrufen wollen, nicht wahr? Und so ist es: Das illustre Vorhaben, Anarchismus und Pessimismus in Einklang bringen zu wollen, hätten nicht wenige Schattenläufer der Macht zumin­dest mit einem sardonischen Lachen quit­tiert, um sich hernach weiterhin in den theoretischen Wonnen eines "ruchlosen Optimismus" (Schopenhauer dixit) zu ergehen, bis ans Lebensende schwelgend vom diesseitigen (totalitär-)egalitären Paradies.


Doch wir wollen hier weder vom anarchis­tischen Pessimisten noch vom pessimis­tischen Anarchisten sprechen - damit sei ein jedes Oxymoron mehr oder minder galant umgangen. Dem Leser wird zudem die spitzfindige Verwendung des Adjektivs "anarchisch" anstelle des allseits verbrei­terten "anarchistisch" aufgefallen sein - eine mitnichten irrelevante Unterschei­dung mit semantischer Tiefendimension.

Der Typus des "Anarchen" nach Ernst Jünger, der einem sofort ins Bewusstsein schießt, soll zwar nicht als der generell be­deutsamste für die Belange des Schreibers gelten, dennoch muss dessen Eigenheit als eine besonders relevante auf das interne Podest gehoben werden. War es doch Jünger, der Max Stirners Egoisten (Eigner/Einzigen) aus den klammernden Klauen Hegels und dessen beständig spu­kenden Weltgeist entriss (Stirners Verein der Egoisten ist letztlich im Kern, trotz seiner eigenen Hegel-Kritik, eine utopis­tische, wenngleich nicht "systematisch" ausgeführte Ordnungsstruktur) und damit den Weg für eine neuerliche Rezeption Stirners ebnete. Freilich, eine andere, eine pessimistischere Lesart des Bayreuther Egoisten respektive zumindest eine an sein Denken gemahnende hatte bereits früher eingesetzt; man denke an die epochale Gestalt Nietzsches, ganz gleich, ob dieser Kenntnisse von Stirners Schrift(en) besaß oder nicht, oder an weniger bekannte Denker wie Georges Palante und später Laurance Labadie. Aber Jünger kommt das Verdienst zu, den Egoisten in seinem litera­rischen Spätwerk "Eumeswil" in den Blick­punkt jenseits akademischer und subkultu­reller Diskurse gerückt zu haben.

Doch dies ist im Verhältnis betrachtet ein Verdienst von lediglich sekundärem Rang. Vielmehr gilt es die bereits vermerkte (und weiter zu verfolgende) Loslösung aus dem Hegel'schen Geschichtsoptimismus und zugleich die anthropologische Einsicht zu würdigen, dass wie auch immer verortbare Mehrheiten a priori nicht befähigt sind, egoistische Bünde/Vereine zu gründen, ohne beständige Verwerfungen zu provo­zieren, welche final in einem "Anarchis­mus" vulgärster Natur münden würden, sehr vereinfacht gesprochen.

Die Losung liegt also im Einzelnen selbst, im Solitär. Es kann ihm kein Anliegen sein, ein neues System, eine neue Gesellschaftss­truktur angesichts ewig wiederkehrender Zumutungen zu schaffen - das Gespenst des chiliastischen Utopismus und des Fort­schritts, das auf allerlei Phantasmagorien beruhende Konzept der Veränderlichkeit der conditio humana lauert hinter jedem toten Winkel, gleichsam eines abgehalfter­ten, geschundenen trojanischen Pferdes. Wiewohl Stirner dergleichen vordergrün­dig nicht in den Sinn kam, so wäre ihm ein neues Ordnungskonzept tatsächlich nichts anderes als eine weitere fixe Idee gewesen, scheint unterschwellig die Hoffnung auf eben jene egoistischen Vereine immer wieder in seinem Werk durch, und das nicht im Sinne einer Herausbildung abseits der Allgemeinheit stehender Zirkel, sondern als gesamtgesellschaftliches Konzept.

Der Solitär muss bestrebt sein, die mannig­faltigen inneren und äußeren Ketten zu sprengen, ganz gleich von welcher Natur sie auch sein mögen, um das - jenes viel bemühte, ambitionierte und gewiss abge­schmackte Wort sei verziehen - "aristokra­tische" Element seines Wesens Geltungs­vorrang zu verschaffen. Erst die Herrschaft über sich selbst, welche in späteren Be­trachtungen noch detaillierter anzu­schauen sein wird, ermöglicht einen weitgehend souveränen Umgang mit staat­lichen Restriktionen, den Umgang mit den selten geschätzten Mitzweibeinern und dergleichen Impertinenzen.

Und doch sind die Probleme, die ewigen Zugeständnisse und das Verzweifeln am Zustand des Status quo vorwiegend Merkmale eines zwar (nicht zwingend) oberflächlichen, aber doch nur einen Teil­bereich umfassenden Kulturpessimismus, der seine Kritik nicht zu einer fundamenta­len ausweitet, sondern in der Hauptsache auf geschichtsphilosophische und nur in Teilen auf anthropologische Dimensionen zielt, die ontologische Perspektive oftmals gar in Gänze verhehlend. Nicht allein der Blick auf die Kultur, auf jene sogenannte amorphe Masse und auf den desaströsen Zustand der Politik sind hier indes alleini­ge Betrachtungsgegenstände, sondern auch die Leiden des nichtmenschlichen und menschlichen Individuums am Daseins­kampf an sich. Das stetige, niemals endende Aufeinanderprallen von egois­tischen Einzelinteressen in der Natur führt notwendig zur schlechtesten aller mögli­chen Welten, wie es Schopenhauer prägnant in Anlehnung an die unmögliche, gegenteilige Leipniz'sche Sentenz auf den Punkt zu bringen wusste.

Wie geht dies nun aber zusammen? Den Egoismus des Solitärs einerseits als lobendes Moment herauszustellen und an­dererseits jenes zentrale Element aller (teil-)bewussten Lebensformen als einen der Urgründe des entschieden Negativen ins Fadenkreuz zu rücken?

Vom Egoismus im eigentlichen Sinne ist für unsere Begriffe nur dann zu sprechen, wenn die Eigenheit eines Individuums jenseits aller gattungsspezifischen Instinkte und Triebe zum Vorschein kommt, es sich demgemäß vom Dominanzanspruch vul­gärster Bedürfnisse befreit hat. Naturge­mäß umfasst dieser Anspruch den Willen zu einem asketischen Imperativ, wenn­gleich im entfernteren Sinne. Die totale Brechung des (Schopenhauer'schen) Willens zeitigt zwar das unumstößliche Idealbild, doch ist jener Schritt nicht not­wendig, um Souverän seiner selbst zu werden, zumal auch ein disziplinierter Connoisseur seinem Verlangen Einhalt zu gebieten vermag, nicht sklavisch seiner Gier frönt und die Maxime voranstellt, auch ohne dieses oder jenes temporäre Ge­nussmittel - welcher Gestalt auch immer - leben zu können. Der Solitär/Egoist ist Herr über seine Bedürfnisse, nicht vice versa.

Wir sehen also, dass die nicht selten in Hy­pokrisie mündenden Stigmatisierungen des sogenannten egoistischen Individuums zuvorderst aus Begriffsirrungen resultie­ren; zukünftig gilt es demgemäß zwischen dem vulgären und "aristokratischen" Typus des Egoisten zu unterscheiden. "Sie sind ja nichts als ein Nietzsche-Epigone!" Spätestens jetzt, wenn nicht schon viel früher im Text schoss Ihnen sicherlich dieser oder ein dergleichen Gedanke durch Ihre Gehirnwindungen. Aber nein, trotz mannigfaltiger Gemeinsamkeiten scheiden sich die Wege im Hinblick auf einen zentralen Topos in Nietzsches Werk: dem (absoluten) Willen zur Macht und die damit einhergehende Bejahung des Daseins (dem inhärenten dialektischen Spannungsverhältnis zwischen Eros und Thanatos zum Trotze). Stoische, jenseits aller Larmoyanz weilende Negation des perfiden, sich endlos repetierenden organi­schen Veitstanzes und ein persönliches Ethos jenseits aller Moralismen, Ideologien und religiöser Irrlehren sind dem Dasein entgegenzusetzen, ohne notwendig in Muster zu verfallen, welche aus dem Res­sentiment herrühren; kurzum, ein vernei­nender Pessimismus der Stärke.

Unser Pendel schwingt somit oftmals zwischen aktivem und passivem Nihilis­mus, auf keiner Seite dogmatisch ausharrend. Inkonsequent? Inkonsistent? Selbst­widersprüchlich? Vielleicht, aber es gilt generell auf Distanz zu den allerorts zu rigiden Systemen ausgeweiteten Theoremen zu gehen, unabhängig von den eigenen Affinitäten, denn auch die hehrsten Wahrheitansprüche scheitern stetig krachend an den Realien. Lediglich das auf sich selbst zurückgeworfene solitäre Individuum bleibt und mit ihm seine innere Gewissheit, Souverän seiner selbst zu sein - und sei es final in der Ent­scheidung, den infernalischen, das Ego immerzu malträtierenden Daseinsumstän­den durch Vernichtung seiner selbst zu entgehen. Indes gilt es zuvorderst Maximen zu finden, den Willen zu jenem absoluten Schritt wenigstens vorerst ins Verlies zu sperren und ein stoisches, gleichmütiges Fundament inmitten seiner Vorstellungswelt zu errichten - und damit das Dasein als sein Eigentum zu erachten und es gleichzeitig mit kaltem Blick zu ver­achten lernen... oder um es mit den Worten des großen Dada-Dandys Jacques Rigaut zu sagen:

"Es gibt keinen Grund zu leben, aber auch keinen Grund zu sterben. Der einzige Weg, wie wir unsere Verachtung für das Leben noch zeigen können, ist, es zu akzeptieren. Das Leben ist die Mühe nicht wert, es zu verlassen. Aus Nächstenliebe könnte man einigen Menschen die Mühe des Lebens ersparen, aber was ist mit einem selbst? Verzweiflung, Gleich­gültigkeit, Verrat, Treue, Einsamkeit, die Familie, Freiheit, Gewicht, Geld, Armut, Liebe, Lieblosigkeit, Syphilis, Gesundheit, Schlaf, Schlaflosigkeit, Sehnsucht, Impotenz, Plattitü­den, Kunst, Ehrlichkeit, Schande, Mittelmäßig­keit, Intelligenz - nichts, worüber man Aufhe­bens machen müsste. Wir wissen nur zu gut, woraus diese Dinge bestehen, es ergibt keinen Sinn, ihnen Beachtung zu schenken."


(Der Essay erschien zuerst in "Der Solitär", Jahrgang 1 (2020), Heft 1.)