Editorial

(Jahrgang 1, 2020 - Heft 1)


Egoismus - ein Wort, das eine dunkle, ver­worrene, nicht offensichtlich zu nennende etymologische Verwandtschaft mit dem Begriff des Bösen aufzuweisen scheint und die Menschen instinktiv aufschrecken und erschaudern lässt, wenn es ihre Gehörgän­ge zufällig streift. Gleich welcher Ideologie man narrt, gleich mit welcher Person man eine Unterredung hält, der Egoismus ist immerfort als hinlängliches Grundübel gefunden, als dasjenige Element, das selbst bei aufrechten Apologeten des Menschen­geschlechts als Menetekel aller zukünfti­gen katastrophischen Szenarien gilt. Und wahrlich, korrelierte jenes sinistre, alles überschattende Element der conditio humana nicht auch mit dem Scheitern der großen kollektivistischen, sozialrevolutio­nären Gesellschaftsexperimente, welche dank seines mehr oder minder klandesti­nen Einflusses vermeintlich für immer in den Orkus der Historie verschwunden sind? Lebten wir nicht anderenfalls in einem neuen egalitären Goldenen Zeitalter, wenn man es nur geschafft hätte, alles egoistische Streben aus dem menschlichen Tiere zu verbannen, es gar nachhaltig aus­zulöschen? Diese Möglichkeit kategorisch auszuschließen wäre zu kurz gedacht, wenn nicht gar töricht, das ist gewiss. Aber auch das Gros der Liberalen, die alle Social Engineering-Phantastereien von sich weisen, gedenken das Ich-Streben trotz aller Lobgesänge auf das Individuum nicht über ein oberflächliches, verkürztes Maß hinaus zu forcieren. Von Erzählungen wie der "atomistischen Vereinzelung" zu sprechen wagen sie zwar nicht, schließlich gilt es diesen von Konservativen und Neurechten zum Kampfbegriff vereinfachten Topos mit neurotischem Reinlichkeitsfim­mel zu vermeiden, aber die unangenehmen Töne - immer gemahnend an eine geister­hafte "Menschheit" oder zumindest an eine utilitaristisch verklärte Mehrheit - dröhnen kakophonisch im Hintergrund. Die Krux: jenes Dröhnen bricht beständig Bahn. Selbst jener, der alle Ideologie, alle Ideale, alle Religion, alles jenseits von ihm selbst Bestehende abzustreifen befähigt war, hat erst die Hälfte des beschwerlichen Weges zur totalen Entfesselung seines Egos bestritten; der wahrlich noch hürdenrei­chere Weg liegt noch vor ihm, kurzum: die Herrschaft über sich selbst. Nur der, der Souverän seiner selbst ist, der - freudia­nisch gesprochen - sein Es zu bändigen vermag, und das losgelöst vom längst in Auflösung begriffenen Über-Ich, der kann wahrhaft von sich behaupten, alle Unterordnungszwänge mit absoluter Bestimmt­heit vernichtet zu haben. Der gemeine Leser wird sich fragen, ob dieses unmögli­che Blatt lediglich eine weitere Utopie ins Weltanschauungs-Schauhaus auszustellen geneigt ist, die dieses Mal tatsächlich unermessliches Glück über die eigene Gattung ausschütten wird. Aber nein, dem ist nicht so. Für die Mehrheit kann dieser Weg unmöglich die Losung sein... Wohlan, befreien wir also das singuläre Ego, finden wir Strategien für seine Souveränität in der schlechtesten aller möglichen Welten!