Editorial

(Jahrgang 1, 2020 - Heft 2)


Idiotie ist Legion. Man findet sie überall, ganz gleich auf welche Schicht, auf welches politisch-weltanschauliche Lager man auch zu blicken gewillt ist; sie ist ein generationsübergreifendes Phänomen, ja man kann mithin sagen, sie ist das egalitärste Moment schlechthin, eine anthropologische Konstante im schlechtesten Sinne des an negativen Konstanten nicht armen Zweibeiners. Feinste Nuancierungen und Sedimentschichten idiotisch-imbeziler Verhaltens- und Denkweisen mag es derweil geben, so ist die Idiotie eines Bildungsphilisters eine andere als jene eines Dahinsiechenden aus einem beliebigen sozialen Brennpunkt. Indes vermag sich niemand von ihr loszusprechen, niemand vermag sie in Gänze aufzulösen, sie ist das mokant grienende Menetekel am Horizont, das trotz aller Anstrengung und Wetterlagen indifferent und selbstzufrieden zugleich überbordende Präsenz zeigt. Ja, auch man selbst ist nicht fähig, sich von ihr loszusagen, sie abzustreifen; naturgemäß ist man Träger seiner ganz spezifisch eigenen Idiotie - wer will das schon in Abrede stellen? Allein gereicht es zur Ehrenrettung, vom Trog jener Erkenntnis gekostet zu haben, vom Umstand zu wissen, dass sie die eigentliche menschliche Essenz - und damit aus menschlicher Perspektive Raum und Zeit beherrschend - ist und man bestenfalls seine Schlüsse daraus zieht. Wie sublim erscheint im direkten Vergleich nicht das Dasein des nichtmenschlichen Tieres, das in (vermeintlich) reiner Instinktgetriebenheit von Idiotie gefeit ist, von der Ameise zum Elefanten, von der Katze zum Habicht, vom Hering zum Wal...

Das Bestreben des Anarchen/Einzigen kann es, wie bereits vermerkt, in Anbetracht dessen nur sein, jene Erkenntnis für sich zu nutzen, seine ganz eigenen Konsequenzen aus dieser axiomatischen Annahme zu ziehen und, dies sei vorweg gestellt, seine Betrachtungen vielleicht gar zu verschriftlichen, um hernach im besten aller möglichen Hergänge die feinsinnigen Freuden des Gleichmuts, der stoischen Affektlosigkeit herauszubilden, in etwa so wie sich die Grundtugend des Dandys annimmt. In dieser Ausgabe liegt also ein kleiner Schwerpunkt darin, verschiedene persönliche und typusspezifische Blickwinkel ob des allzu menschlichen Ungemachs zum Ausdruck zu bringen - mal subtiler in mehr distanziert-analytischer, mal schroff in mehr célineesk-zynischer Form gehalten...